Letzten Sonntag luden Wetter, Laune und Gelegenheit dazu ein, Gießens grüne Lunge(n) aufzusuchen. Also kämpfte man sich über die geteerten künstlichen Grenzen der Westanlage in die Senckenbergstraße und betrat den Botanischen Garten. Bisher konnte ich dieser Einrichtung kulturell überformter Naturkonservierung in beinahe jeder bewohnten Stadt frönen: Bayreuth (ökologisch), Glasgow (mit Kibble Palace), München (Nymphenburg) und nun eben Gießen. Ohne jetzt lange über den Sinn und maßgeblichen Zweck von Grünanlagen im urbanen Raum zu faseln, komme ich gleich zu den potentiellen subversiven Strategien: sobald Kinder auch nur geringfügig über die motorischen Fähigkeiten verfügen, stiften sie angenehmstes Chaos. So auch "Rafffi!", geschätzte vier Jahre, jung und weizenblond, der an diesem Nachmittag die kategorische Botanik der Anlage nach eigenem Ansinnen und Wünschen umzugestalten wusste: Verwitterte Namensschilder euro- asiatischer Pflanzen wurden umgesteckt, als kleinkalibrige Waffe missbraucht oder gleich unumständlich im Goldfischteich entsorgt. Großartig normal. Da sich die Stadt Gießen der Unspektakularität ihrer Anlage wohl bewusst zu sein
scheint, wird die scheußlich lebendige Natur von monolithischen Kunstwerken durchbrochen. Da geben dann Fichte, Hölderlin und Novalis romantisches Wortgut auf schwarzen Kubi zu Gehör, die durchaus der Kaaba gerecht werden.Was in Gießen dann weiterhin für Kunst o.Ä. gehalten wird, durfte ich im angrenzenden Oberhessischen Museum begutachten. Als einziger Interessierter wurde mir der Schlossturm von zwei netten älteren Herren aufgesperrt, nur um nach knarrendem Aufstieg vergebens an sicherheitsverschlossten Plexiglasfenstern zu rütteln, um einen desillusionierenden Blick auf die Stadt werfen zu können.
Sad, so sad. Gießen.

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