Montag, 21. Januar 2008

Ein Exorzismus vor dem einen Geschlecht - Interview mit Regisseur Daniel Clifftan

Daniel Clifftan sitzt nachdenklich auf dem harten Samtstuhl im tschechischen Teehaus „Odpočívat“ (dt.: ausruhen) am Rande des 42. Internationalen Filmfestivals Karlsbad. Draußen peitscht ein ungewöhnlich kalter Juniwind durch den traditionsreichen Kurort, während der 57-jährige Regisseur ausdauernd in seinem Rum mit Tee rührt. In seinem neuen, sehr umstrittenen Film In the Marshes, der am Vorabend auf dem Festival premierte, geht es um eine neureiche britische Familie, in die ein hermaphrodites Kind geboren wird. Mit fast dokumentarischer Nähe und wissenschaftlich detaillierten Close-Ups entblättert der Film die Wirren und Krisen des geschlechtslosen Dilan. Im Gegensatz zu bisher beabsichtigten Festivalskandalen wie Gaspar Noés Irréversible oder dem orgienintensiven Caligula erschreckt In the Marshes vor allem, weil er eine der Grundfesten der Zivilisation erschüttert, die Einteilung der Geschlechter in Mann und Frau. Es ist das dritte Geschlecht, Hermaphrodite, Zwitter. Ein Interview.

Mr. Clifftan, wie stehen Sie zu den starken Reaktionen auf die gestrige Premiere von In the Marshes?

Nun, ich war darauf gefasst. Es war ja auch absehbar. Ich arbeite nun einmal sehr direkt und das Komitee wusste ja sicher im Vornherein, dass man von mir keine Subtilität erwarten konnte. Vor allem nicht, wenn man die Arbeiten meines Kameramannes Daniel Mirette kennt. Bei ihm wirken gerade die Totalen. Eigentlich sollen sie ja einen Überblick verschaffen, aber bei Dilans Aufnahmen wirkt gerade die scheinbare Distanz gut brutal. Ich denke, der so genannte Skandal war beabsichtigt, wenn nicht geplant. Aber ich will mich sicher nicht beschweren. Es verhilft der Thematik des Zwitterwesens zu mehr Aufmerksamkeit, das ist eigentlich gut. Ich habe nur etwas Angst, dass Hermaphroditismus wieder auf die Seite der Missgeburten, des Lethalen, nicht Lebensfähigen fällt und man wie auf den Jahrmärkten des 19. Jahrhunderts um diesen Film herumsteht und es zur schieren Gafferei verkommt.

Wie soll Dilans Geschlechtswechsel denn im Idealfall in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden?

Dilan ist in dem Sinn ja kein Transgender, Dilan ist kein „Richtig“ im „Falschen“. Dilan wurde als Nichts und Alles geboren, weder Mann noch Frau und doch beides. Sicher, sie wird sich irgendwann entscheiden und das auch müssen. Die Gesellschaft weiß nichts über Intersexualität oder Hermaphroditismus. Oft wissen es die Kinder selbst sehr lange nicht. Dilan leidet aber vor allem an den Schwächen und am Schweigen der Eltern. Siri und Paul sprechen in den Monaten vor der schwierigen Geburt ja immer wieder über das Wunschgeschlecht ihres Kindes. Paul hat eine sehr dominante Vorgesetzte, die sich sehr männlich gegenüber ihrer Umwelt gebiert und deshalb erfolgreich ist, gleichzeitig aber auch verspottet wird. So ist es ihm egal, „großartig wird es sowieso.“ Das ist vermeintlich herrlich liberal, weit weg von einer althergebrachten Rhetorik á la „erstgeborener Sohn“ oder „Tochter des Hauses“, aber wir denken gerade im modernen Sexualitätszirkus recht engstirnig.

Dilans Mutter ist da auch eher zurückhaltend und geschlechtseindeutig.

Ach, Sie meinen, weil sie das Kinderzimmer nach dem Ultraschall blau streicht und Paul einen Fußball schenkt ist Siri eine reaktionäre Laura Ashley?

Zumindest hat sie als Frau genaue Vorstellungen von ihrem Leben als Mutter – Kekse, Yoga, passgenaue Windeln.

Ja, ja, der ganze Mutterkuchen (i. O. „mother’s crap“). Aber vor der Entscheidung über Dilans Geschlecht erstarrt sie – sie sagt, dass sie das nicht entscheiden kann und das auch nicht will. Sie muss es aber, weil zu diesem Zeitpunkt das Leben ihres Kindes von dieser Entscheidung abhängt. Ihre Wahl versucht sie deshalb nicht von ihren Wünschen abhängig zu machen, sondern entscheidet nach den Fakten, die sie aus den chromosomalen Eigenarten und Hormonspiegeln ableiten will. Sie versteigt sich sehr hoch in wissenschaftliche Theoreme, die selbst geprägt sind durch ängstliche oder konservative Ärzte. Gerade die Biologie muss doch in geordneten Verhältnissen ablaufen – dem Mann ein Schwanz, der Frau die Muschi. Auch gerade die detaillierten Schilderungen der zurückgebildeten Gonaden im Film gefielen den meisten Produktionsfirmen nicht.

Es hat 9 Jahre gedauert, bis Sie mit Tarrif ein Studio fanden, das zumindest einen Teil der Produktionskosten übernommen hat.

Ich habe in der Zwischenzeit versucht, mit anderen gefälligeren Filmen mehr Geld für dieses Projekt aufzutreiben. Niemals hätte es ohne In the Marshes solche zweifelhaften Machwerke wie Blossoming Fields oder Walcott gegeben. Das sind doch eigentlich Imitationen alter europäischer Komödien. Jacques Tati hätte mich dafür verklagen können. Aber in diesem Fall muss man sagen dürfen: Gott sei Dank ist er tot! Außerdem ist meine Ehe an der Produktionszeit zerbrochen. Die Theaterstücke mit meiner Frau waren mir nicht mehr wichtig. Vielleicht weil das Thema so gar nicht auf einer Bühne möglich wäre. Dilan muss man in einer filmischen Totale sehen, um komplett eingenommen zu werden. Doch interessanterweise war das zuerst genau das einzige Problem, das Tarrif hatten. Meine bisherigen Filme waren karg und schwarz und bittersüß, so wie Claude Chabrol wollte ich einmal sein. Jona Rubins, einer der Executives und schließlich entschiedener Befürworter, meinte nach einer Vorstellung von Cancel Room, das damals im East End lief, „Was soll das? Eine existenzialistische Komödie ist reine Zeitverschwendung.“ Ich habe nur gemeint „Ja, schwarze Pullover will ich auch nicht mehr.“ Dann sind wir erstmal saufen gegangen und haben, soweit ich weiß, ausführlichst die Gründe für meine Sturheit seziert, die ich aber irgendwann vergessen habe.

Vielleicht Exorzismus?

Wegen dem Dreck davor? Nein. Vielleicht, möglich. Aber das ist zu durchschaubar. Wenn Ihnen das schon einfällt…

Vielen Dank.

Oh, nein, ich wollte Sie nicht beleidigen, aber ich rede mir immer noch ein, dass ich ein unglaublich komplexer und reflektionsintensiver Mann und Regisseur bin. Obwohl das vermutlich genau so wenig stimmt wie das Ozonloch oder falscher Optimismus. Ich bin einfach nur stur. Ja, genau, das war nach 4 Jahren Akquise nur noch Trotz. Aber ich bereue es nicht.

Wie wollen Sie von diesem Thema nach so langer Produktionszeit wieder wegkommen? Persönlich und natürlich auch professionell.

Na ja, obwohl es gerade diesmal sehr lange gedauert und mich die Thematik der sozialen Sexualität sehr intensiv verfolgt hat, hoffe und denke ich nicht, dass ich in Zukunft nur auf In the Marshes reduziert werde. Ok, „Clifftan in Karlsbad“, das wird noch ein wenig nachhallen. Hoffentlich gerade so lange, wie es eben Leute in den Film zieht. Aber ich habe es nicht auf diesen Skandal abgesehen und werde ihn deshalb auch weder auskosten noch befeuern. Und ich weiß, dass die Art und Weise, wie ich meine Themen angehe, mich immer wieder von dem vorherigen befreit.

1 Kommentar:

heiko rauh hat gesagt…

Das musst du unbedingt ins Radio bringen!