Sonntag, 18. November 2007

Paul Auster - Leviathan (1992)

Die stabile Karriere ohne den sauren Beigeschmack der Anbiederung, eine besondere Liebe mit den pragmatischen Vorgaben der modernen Beziehungstragik und der Mut zur charismatischen Präsenz. Das Leben des Schriftstellers Benjamin Sachs erweist sich aus der Sicht seines Freundes und Kollegen Peter Aaron als reflektiertes Dasein eines ehrlichen Bohèmien.

Doch er ist tot, hat sich Ende Juni 1990 am Straßenrand in Nord-Wisconsin in die Luft gejagt. Nichts ist von ihm übrig geblieben außer ein paar verstreuten Körperteilen und einem Stück Papier mit Aarons Telefonnummer in New York City. Von nun an steht dieser unter Zeitdruck: Zwei FBI-Agenten verhören ihn in seiner Hütte in den Bergen Vermonts; er lügt sie an und beginnt kurz darauf, die Geschichte von Sachs, und damit auch seine eigene, niederzuschreiben.

Der arbeitsame Sachs war aus Protest gegen den Vietnamkrieg im Gefängnis, hatte dort das Manuskript seines ersten Romans The New Colossus zu Papier gebracht und sich damit nach seiner Entlassung einen Namen in der amerikanischen Literaturszene gemacht. Er führte mit der Museumskuratorin Fanny eine nach außen hin gesunde Ehe, die selbst eine kurze Affäre mit Aaron nicht erschüttern konnte.

Der Beginn der Ära Reagan und ein selbst verschuldeter Sturz aus dem vierten Stock am amerikanischen Unabhängigkeitstag 1986 verändert jedoch Sachs’ Einstellung zu seiner Arbeit. In der Folge drängt er auf Agitation – ohne noch genau zu wissen, auf welche. Langsam verlässt er seine Frau, Freunde und New York, und zieht sich aufs Land zurück. Nach einem zunächst erfolgreichen Versuch, einen neuen Roman namens Leviathan zu schreiben, verirrt er sich in den Wäldern Vermonts und wird in einer surrealen Begegnung zum Mörder. Die anschließenden Verwicklungen und eine Reise durch das Vereinigte Hinterland der reaktionären 80er Jahre schicken ihn auf einen persönlichen Kreuzzug der Reue und gegen die grassierende Gleichgültigkeit der Moderne.

Das schon bei Hobbes als Metapher für die Unbezwingbarkeit und Allmacht des Staates eingesetzte Meeresungeheuer Leviathan windet sich in Paul Austers Roman als subtiles Politikum durch das Leben der Charaktere. Das Chaos und die Hilflosigkeit gegenüber den ideologischen Gegebenheiten der Ära Reagan äußern sich in Sachs’ individueller Aggression auf das allgemeine Erfolgsstreben und janusköpfige Nationalsymbol der Freiheitsstatue.

Auster zimmert mit Hilfe eines komplexen sekundären Erlebnisberichtes über den Schriftsteller Benjamin Sachs eine Apologie für den Ausbruch aus einer zwar kreativ-sinnhaften, jedoch selbstgefälligen Existenz, um durch irritierenden Protest die eigene Freiheit zu erlangen. Selten offensiv sentimental und in ausreichendem Maße kontra-ideologisch wird hier eine Erzählung über Freundschaft, Gewalt und künstlerisches Dasein insoweit reflektiert, als dass der Leser selbst die Sympathie gegenüber den Antagonisten Leviathans noch zur Genüge differenzieren kann.

Der große Detektiv Auster stellt seinem Publikum mit seinem Alter Ego Aaron einen Vermittler zur Seite, der die Indizien zwar erzählt, sie ihm aber nicht aufzwingt. Anders als in den Kurzgeschichten der New York Trilogy unterlässt er dieses Mal auch die zahlreichen Metaerzählungen und dynamischen Verschiebungen zwischen Autor, Leser und Text. Allein der Titel dient über die literarische Produktion von Sachs, Aaron und Auster gleichzeitig als Blaupause und dominierende Metapher. Leviathan – die Freiheit im Fegefeuer.

Wolf Haas - Das Wetter vor 15 Jahren (2006)

Der Liebesroman ist einer der schwierigsten Genreauswürfe der Literatur. Seine Produzenten verheddern sich regelmäßig in einer klebrig-süßen Fruchtfliegenfalle aus langweiligen Klischees und banalem Kitsch. Die Geschichten schaffen es selten, Zwischenmenschlichkeiten anspruchsvoll und mit dem nötigen Humor zu erzählen. Ihre Schauplätze reichen einfallslos vom schottischen Hochland über Cornwalls Küste bis hin zu den Kriegswirren im Frankreich der Résistance; und die Hauptakteure besitzen außer einer flachen Charakterisierung oft nur ein heruntergewirtschaftetes Gestüt oder eine – natürlich gesellschaftlich noch nicht anerkannte – geldadelige Vergangenheit. Als Alternative durchpflügen sie 200 entsetzliche Seiten lang gescheiterte Beziehungen, obwohl der zukünftige Lebensabschnittspartner schon in der Anfangssequenz tröstend mit dem Pralinenvorrat assistiert.

Diese Ängste plagten auch den österreichischen Schriftsteller Wolf Haas, der bisher vor allem durch die Kriminalromane über den kauzigen Privatdetektiv Simon Brenner bekannt wurde. Sein neuestes Buch Das Wetter vor 15 Jahren schafft es jedoch mit einer urigen Leichtigkeit, sämtliche stilistischen Untiefen des Genres einerseits zu vermeiden und sich andererseits gezielt und selbstironisch in sie hinein zu werfen.

Vittorio Kowalski ist ein blasser dreißigjähriger Zechenabbau-Ingenieur aus Essen-Kupferdreh, wo ihn sein Kollege und einziger Freund Riemer ohne Erfolg zu Volkhochschulkursen wie „Ran an die Frau“ überreden will. Alle Versuche, zwischengeschlechtlichen Verkehr zu erlangen, misslingen gründlich.
Dieses Scheitern hat Kowalski in der Hauptsache seiner kuriosen Leidenschaft für eines der belanglosesten Small-Talk-Themen zu verdanken: das Wetter. Sein Interesse konzentriert sich jedoch nicht ganz allgemein auf die Ursprünge und Auswirkungen der zahlreichen Adria-Hochs, Biskaya-Tiefs und Golfstromausläufer. Er verfolgt vor allem die klimatischen Veränderungen jedes einzelnen Tages in einem österreichischen Touristenort. In Farmach im Salzburger Land hat er bis zu seinem 15. Lebensjahr alle Familienurlaube verbracht. Sein Wissen über Temperatur und Windstärke geht dabei natürlich über das des „Wetter-Normalverbrauchers“ weit hinaus, was ihn sogar zum Wettkönig bei Thomas Gottschalk macht. Alles reicht auf einen unheilvollen Tag zurück, an dem er mit der gleichaltrigen Tochter des Bergführers in ein Unwetter gerät und die Jugendlichen sich in ein Schmugglerlager retten können. Die daraus entstandenen Konsequenzen hat er auch eineinhalb Jahrzehnte später nicht vergessen, weshalb er nach Farmach zurückkehrt.

Das Wetter vor 15 Jahren könnte ein beschaulicher Roman sein, der mit österreichischen Eigenarten und vor dem Hintergrund des lang gepflegten Konfliktes zwischen Piefkes und Einheimischen die zierlichen Bande zwischen Vittorio und Anni beschreibt.

Diesen Roman gibt es aber nicht. Die Geschichte existiert nur innerhalb eines Interviews zwischen dem Autor Wolf Haas und einer fiktiven „Literaturbeilage“. Die beiden entwirren die vorgeblich authentischen Ereignisse und wie sie zwischen zwei Buchdeckel geraten sind, ohne dass man diese überhaupt kaufen könnte. So erfährt der Leser nicht nur die eigentliche Abfolge der Geschehnisse, sondern wird auch in die Hintergründe des Schreibprozesses und in die Schwierigkeiten des Autors eingeweiht. Gleichzeitig kritisiert Haas durch die Figur der „Literaturbeilage“ das übertrieben nach motivischen Details geifernde Lesen. Als die Kritikerin nach der phallischen Symbolik einer Luftmatratze bohrt, entfährt ihm ein „Mir wäre das nicht im Traum – also, das ist ja wirklich“ und er relativiert: „Ich habe einfach den Gegensatz schön gefunden. Dass man eigentlich in den Urlaub fahren will. Hinaus! In die Natur!“ An vielen Stellen kokettiert er natürlich auch mit den stratosphärenhoch überinterpretierten Metaphern, die die „Literaturbeilage“ bisweilen einfach auch anglo-hörig als „too much“ oder „over the top“ empfindet.

Insgesamt konstruiert Wolf Haas eine einfallsreiche Metaerzählung. Er scheut es nicht, dem Leser die eigentliche Geschichte ein Stück weit vorzuenthalten und nimmt dadurch auch eine schlaue, weil distanzierte Sichtweise auf das billig-böse Genre des Liebesromans ein.