Der Liebesroman ist einer der schwierigsten Genreauswürfe der Literatur. Seine Produzenten verheddern sich regelmäßig in einer klebrig-süßen Fruchtfliegenfalle aus langweiligen Klischees und banalem Kitsch. Die Geschichten schaffen es selten, Zwischenmenschlichkeiten anspruchsvoll und mit dem nötigen Humor zu erzählen. Ihre Schauplätze reichen einfallslos vom schottischen Hochland über Cornwalls Küste bis hin zu den Kriegswirren im Frankreich der Résistance; und die Hauptakteure besitzen außer einer flachen Charakterisierung oft nur ein heruntergewirtschaftetes Gestüt oder eine – natürlich gesellschaftlich noch nicht anerkannte – geldadelige Vergangenheit. Als Alternative durchpflügen sie 200 entsetzliche Seiten lang gescheiterte Beziehungen, obwohl der zukünftige Lebensabschnittspartner schon in der Anfangssequenz tröstend mit dem Pralinenvorrat assistiert.
Diese Ängste plagten auch den österreichischen Schriftsteller Wolf Haas, der bisher vor allem durch die Kriminalromane über den kauzigen Privatdetektiv Simon Brenner bekannt wurde. Sein neuestes Buch Das Wetter vor 15 Jahren schafft es jedoch mit einer urigen Leichtigkeit, sämtliche stilistischen Untiefen des Genres einerseits zu vermeiden und sich andererseits gezielt und selbstironisch in sie hinein zu werfen.
Dieses Scheitern hat Kowalski in der Hauptsache seiner kuriosen Leidenschaft für eines der belanglosesten Small-Talk-Themen zu verdanken: das Wetter. Sein Interesse konzentriert sich jedoch nicht ganz allgemein auf die Ursprünge und Auswirkungen der zahlreichen Adria-Hochs, Biskaya-Tiefs und Golfstromausläufer. Er verfolgt vor allem die klimatischen Veränderungen jedes einzelnen Tages in einem österreichischen Touristenort. In Farmach im Salzburger Land hat er bis zu seinem 15. Lebensjahr alle Familienurlaube verbracht. Sein Wissen über Temperatur und Windstärke geht dabei natürlich über das des „Wetter-Normalverbrauchers“ weit hinaus, was ihn sogar zum Wettkönig bei Thomas Gottschalk macht. Alles reicht auf einen unheilvollen Tag zurück, an dem er mit der gleichaltrigen Tochter des Bergführers in ein Unwetter gerät und die Jugendlichen sich in ein Schmugglerlager retten können. Die daraus entstandenen Konsequenzen hat er auch eineinhalb Jahrzehnte später nicht vergessen, weshalb er nach Farmach zurückkehrt.
Diesen Roman gibt es aber nicht. Die Geschichte existiert nur innerhalb eines Interviews zwischen dem Autor Wolf Haas und einer fiktiven „Literaturbeilage“. Die beiden entwirren die vorgeblich authentischen Ereignisse und wie sie zwischen zwei Buchdeckel geraten sind, ohne dass man diese überhaupt kaufen könnte. So erfährt der Leser nicht nur die eigentliche Abfolge der Geschehnisse, sondern wird auch in die Hintergründe des Schreibprozesses und in die Schwierigkeiten des Autors eingeweiht. Gleichzeitig kritisiert Haas durch die Figur der „Literaturbeilage“ das übertrieben nach motivischen Details geifernde Lesen. Als die Kritikerin nach der phallischen Symbolik einer Luftmatratze bohrt, entfährt ihm ein „Mir wäre das nicht im Traum – also, das ist ja wirklich“ und er relativiert: „Ich habe einfach den Gegensatz schön gefunden. Dass man eigentlich in den Urlaub fahren will. Hinaus! In die Natur!“ An vielen Stellen kokettiert er natürlich auch mit den stratosphärenhoch überinterpretierten Metaphern, die die „Literaturbeilage“ bisweilen einfach auch anglo-hörig als „too much“ oder „over the top“ empfindet.
Insgesamt konstruiert Wolf Haas eine einfallsreiche Metaerzählung. Er scheut es nicht, dem Leser die eigentliche Geschichte ein Stück weit vorzuenthalten und nimmt dadurch auch eine schlaue, weil distanzierte Sichtweise auf das billig-böse Genre des Liebesromans ein.

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